Sie ist eine Form der Regulationsmedizin. Sie will entgleiste Regelvorgänge auf verschiedenen physiologischen Ebenen normalisieren. Insbesondere sollen chronisch belastende übergeordnete Faktoren ausgeschaltet werden. Dazu setzt sie in erster Linie Lokalanästhetika nach bestimmten Techniken ein. Verwendet werden langjährig erprobte Lokalanästhetika. Ursprünglich wurde sowohl in der Lokalanästhesie wie auch in der Neuraltherapie Procain eingesetzt. In der Veterinärmedizin wurde Procain durch das universell einsetzbare Lidocain zum Teil verdrängt.

Unterschied zur Lokalanästhesie

Es tritt ein über die pharmakospezifische Wirkdauer hinausgehender therapeutischer Effekt auf. Dieser beruht auf Mechanismen neuro-vegetativer, humoraler und hormoneller Natur. Dieser Effekt ist erklärbar und auch reproduzierbar. Es wird über spezifische Körperpunkte, Körpersegmente sowie Strukturen des autonomen Nervensystems behandelt. Es werden regionale wie auch entfernt lokalisierte Störungen beseitigt.
Geschichte der Neuraltherapie

Geschichte der Neuraltherapie

1928: F. und W. Huneke berichten über „unbekannte Fernwirkungen“ örtlicher Betäubungsmittel. Diese Therapie wurde zuerst Heilanästhesie genannt. Sie setzten Procain in Segmentbereichen einer Erkrankung ein. Zu einem Segment gehören: Haut, Muskulatur, Gefäße, Nerven, die knöchernen Regionen und Organe einer Körperregion. Da alle Strukturen über das überall im Körper vertretene vegetative, d.h. unwillkürliche Nervensystem verbunden sind, ist in der Neuraltherapie von großer Wichtigkeit, wo injiziert wird.
1940: Beobachtung des 1. Sekundenphänomens (Huneke-Phänomen): Durch Injektion eines Lokalanästhetikums in den Bereich einer Osteomyelitis (Knochenhautentzündung) am Unterschenkel war eine bis dahin erfolglos behandelte Schultererkrankung schmerzfrei.

Definition: Störfeld

Der Organismus stellt ein komplexes, in sich vernetztes System von Regelkreisen dar, bei dem auch die kleinste Störung nur eines einzigen Bestandteiles kaskadenartig eine Störung des gesamten Systems nach sich zieht. Auf entgleiste Regelsysteme zurückführbare Symptome oder Syndrome werden im heutigen Sprachgebrauch als „funktionelle Störungen“ bezeichnet. Diese „funktionellen Störungen“ sind zu Beginn minimal, führen aber zur Labilisierung des Organismus und zur „Anfälligkeit“. Das Auffinden und Ausschalten diese Störfelder oder Herde repräsentiert auch die Domäne der Neuraltherapie.

Störfelder = nervale Reizzustände außerhalb jeder Segmentordnung können Krankheiten auslösen und unterhalten. Synonyme für Störfelder: Herd, chronisches Irritationszentrum. Durch die Injektion von Lokalanästhesie in solche Störfelder können unter Umständen therapie-resistente Krankheiten geheilt werden. Bei der Anwendung lokalanästhetisch wirksamer Substanzen an dem jeweiligen Beschwerdebild angepassten und genau definierten Körperstellen oder -regionen ist ein deutlich über die übliche Wirkungsdauer des Pharmakons hinausgehender anästhetischer bzw. analgetischer Effekt zu beobachten. Effekt bei der Behandlung über spezifische Körperpunkte, Körpersegmente sowie Strukturen des autonomen Nervensystems zu beobachten. Der Effekt kann sowohl regionale wie auch entfernt lokalisierte Störungen beseitigen. Er beruht auf Mechanismen neuro-vegetativer wie auch humoraler und hormoneller Natur.

Wichtig:

Abhängig von der Intensität des Geschehens können auch die Nachbarsegmente in ähnlicher, mehr oder weniger abgeschwächter Form mitreagieren! Diese Segmentüberschreitung beruht einerseits auf intramedullären Zwischenneuronen sowie andererseits auf der größtenteils plurisegmentalen Innervation der Organe.

Konkrete Indikationsbeispiele

  1. Stütz- und Bewegungsapparat:
    • Kontusionen
    • Diskopathien
    • Spondylarthrosen, -arthritiden
    • Zervikal-, Lumbal-Syndrom
    • Cauda-Equina-Syndrom
    • Sehnen- und Bändererkrankungen
  2. Urogenitaltrakt:
    • Cystitis
    • Incontinentia urinae
    • Blasenkolik
    • Geburtserleichterung
    • Ovarialdysfunktionen
    • Zyklusanomalien
    • Prostatapathien
    • Mastdarmlähmung (unbeabsichtigter Kotabsatz)
  3. Abdomen:
    • Gastroenteritis
    • Obstipation

Kontraindikationen

  • Herzinsuffizienz
  • Hypotonie
  • Hyperkaliämie
  • Leberfunktionsstörungen
  • Diabetes mellitus
  • Acidose
  • Neurologische Erkrankungen
  • Blutgerinnungsstörungen
  • Bei eingeschränkter Leber- und Nierenfunktion kann es bei wiederholter Applikation von Lokalanästhetika zur Kumulation kommen
  • Bei überdosierung

Grenzen der Neuraltherapie

Wo Strukturen zerstört sind - z.B. bei durchtrennten Nerven – ist die Neuraltherapie weder sinnvoll noch zielführend!
Literatur

Weiterführende Literatur